Marc Chagall Lithografie 1967, "Le Cirque", poetischer Surrealismus, Symbolismus
Lithographie 1967, "Le Cirque",
Chagall wurde in Witebsk (Belarus, damals Russisches Reich) geboren und stammte aus einer chassidischen jüdischen Familie. Er ging zum Studium nach Sankt Petersburg und ließ sich 1911 in Paris nieder. Dort setzte er sich mit den Avantgarden (Kubismus, Fauvismus, Expressionismus) auseinander, während er einen sehr persönlichen, lyrischen und narrativen Stil beibehielt.
Der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution markierten einen Wendepunkt: Er kehrte kurz nach Russland zurück, gründete eine Kunstschule in Witebsk, verließ das Land aber enttäuscht von der sowjetischen Starrheit.
Auf der Flucht vor dem Zweiten Weltkrieg und den nationalsozialistischen Verfolgungen ging er in die Vereinigten Staaten ins Exil, bevor er sich endgültig in Südfrankreich niederließ.
Chagall hat sich nie einer einzigen Bewegung untergeordnet. Er flirtete mit dem Surrealismus, ohne ihm jemals vollständig anzuhängen. Was er schuf, war eine Welt, die zwischen Erinnerung, Liebe, Glaube und Traum schwebte, ein farbenfrohes Theater, in dem die Gesetze der Schwerkraft keine Rolle spielten.
Schwebende Figuren, oft verliebt, manchmal umgestürzt, tanzend oder schwerelos.
Symbolischer Tierbestand (Ziegen, Hähne, Fische, Pferde).
Kräftige Farben, ausdrucksstark, leuchtend.
Verweise auf jüdische Folklore, die Bibel, Musik, das Bauernleben.
Wiederkehrende Motive: Witebsk, die Braut, der Geiger, die Engel, die offenen Fenster, der Mond.
Im zaristischen Russland, wo Juden ständigen Diskriminierungen (Quoten, Ghettos, Gewalt) ausgesetzt waren, war er bereits ein Außenseiter. Die Aufnahme in die Kaiserliche Kunstakademie von Sankt Petersburg war an sich schon ein Akt der Kühnheit, da Juden dort fast verboten waren. Dort entdeckte er die westliche Kunst, die großen Meister, aber auch die akademische Einengung. Doch dort fand er seine künstlerische Berufung.
In La Ruche (der berühmten Künstlerresidenz) lebte er mit Modigliani, Léger, Apollinaire zusammen. Paris brodelte künstlerisch: Kubismus, Fauvismus, Orphismus, Dada… Chagall beobachtete sie, assimilierte sie, ohne sich ihnen anzupassen.
Er entwickelte einen unklassifizierbaren Stil: narrativ, fragmentiert, farbenfroh, schwebend.
Schwerelose Figuren, Brautpaare im Himmel, symbolische Tiere… Es ist eine Malerei der Seele, in der Erinnerungen die Gesetze der Physik überwinden.
Der Krieg rief ihn 1914 nach Witebsk zurück. Er heiratete Bella Rosenfeld, seine Jugendliebe, seine Muse.
Doch die Geschichte mischte sich ein: Die Revolution von 1917 machte ihn zum Beauftragten für Schöne Künste in Witebsk. Er gründete eine fortschrittliche Kunstschule, geriet aber schnell in Konflikt mit Malewitsch und den Anhängern der reinen Abstraktion. Er verteidigte eine lebendige, narrative, humanistische Kunst. 1922 verließ er die UdSSR für immer. Die Revolution, zu dogmatisch, erstickte seine Vorstellungskraft. Er ließ sich in Berlin nieder und kehrte 1923 nach Paris zurück. Er arbeitete mit Ambroise Vollard zusammen, der ihn einlud, Die Fabeln von La Fontaine, die Bibel, Die toten Seelen von Gogol zu illustrieren – und zeigte dabei ein Genie für Zeichnung und Erzählung. Aber der Antisemitismus nahm zu, die Zeichen waren da.
1941 floh er aus dem besetzten Frankreich nach New York, in letzter Minute gerettet vom Journalisten Varian Fry. Dort fand er Sicherheit, aber nicht das Licht. Bella starb 1944. Es war ein persönlicher Zusammenbruch. Seine Malerei wurde ernster, mystischer. Er malte Kreuzigungen, dunkle biblische Szenen, schmerzhafte Erinnerungen an die verschwundene jüdische Welt Europas.
1948 kehrte er nach Frankreich zurück und ließ sich in Saint-Paul-de-Vence nieder. Das Mittelmeer regenerierte ihn. Er arbeitete unermüdlich: Glasfenster, Keramiken, Operndekorationen, monumentale Mosaiken. Er malte die Decke der Pariser Oper (1964), Glasfenster für die Kathedrale von Metz, das Hadassah Medical Center in Jerusalem, die UNO in New York. 1973 wurde das Marc-Chagall-Nationalmuseum in Nizza eröffnet, das seinem Biblischen Botschaft gewidmet ist. Er wurde zu einer prägenden Figur, einem visuellen Dichter und modernen Propheten. Doch er hielt sich stets von den künstlerischen Gesellschaften fern.
Chagall hat sich nie einer Bewegung angeschlossen. Zu instinktiv für den Surrealismus, zu narrativ für die Abstraktion, zu spirituell für den modernen Materialismus. Er folgte seinem eigenen inneren Antrieb, durchzogen von Exil, Erinnerung, Liebe und Glauben.